Mit dem Zeitpolster vorsorgen …

Verein Zeitpolster

Seit den Sommermonaten bin ich immer wieder über den Begriff Zeitpolster gestolpert. Falls ihr euch da jetzt nichts drunter vorstellen könnt: Das ist ein Verein, der ein neues Konzept für die sozialen Herausforderungen der Zukunft nach Tulln gebracht hat 👍. Aber so oft mir die Berichterstattung in diversen Medien auch freundlich zugewinkt hat, hab ich sie immer ein bisserl ignoriert und mich nicht näher damit befasst. Ihr kennt das ja sicher auch – man überfliegt den Text nur schnell und weiß dann trotzdem nicht so recht, was man mit der Info anfangen soll. Oder man vergisst sie wieder. Oder man hebt den Artikel für später (viiiiiiel später) auf 😉. Aber irgendwann mal, wollt ich es halt doch genauer wissen (die Neugier ist ein Luder) und hab mich mit einer der Damen der Tullner Gruppe vom Verein Zeitpolster bei einem Kaffee zusammen gesetzt. Jetzt bin ich bestens informiert und lass euch gönnerhaft an meinen neuen Erkenntnissen teilhaben.😂

Wer hat’s erfunden?

… nein das waren nicht die Schweizer, aber wer da drauf tippte, lag nur ganz knapp daneben. Denn die Idee stammt aus Vorarlberg und feiert bald den 5. Geburtstag. Halt! Kleine Korrektur! Genau genommen stammt die Idee aus Japan. Aber ein Vorarlberger hat’s zu uns geholt und einer der ersten Testdurchläufe fand tatsächlich sogar in der Schweiz statt (somit sind die lieben Eidgenossen ja doch mit von der Partie).

Aber wenn man es ganz genau nimmt, dann finden wir den Ursprung schon in der Geschichte der Menschheit. Weil die junge Generation schon immer der älteren geholfen hat. Bis, ähm bis … ich weiß gar nicht bis wann. Irgendwann war das Modell der Großfamilie mit 3 Generationen unter einem Dach nicht mehr cool und jeder ging seines Weges.


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Aber nicht nur die veränderten Wohnsituationen sind ein Grund, weshalb wir uns Gedanken machen müssen. Ein Großteil der Menschen in Österreich erfreut sich nämlich eines langen Lebens und peilt ziemlich sicher die 80 an. Die jüngeren müssen dank höherem Pensionsantrittsalter aber länger im Erwerbsleben bleiben. Was ja grundsätzlich in Ordnung wär, aber irgendwie klafft da im Zeitfenster für Hilfseinsätze eine monströse Lücke. Es fehlt den Kindern und Enkeln der Generation 70+ einfach an Zeit für Eltern bzw. Großeltern.

Wie soll man denn Job, Haushalt und vielleicht auch noch Garten mit dem kompletten Haushalt der Eltern oder Schwiegereltern unter einen Hut 🎩 bringen. Zusätzlich vielleicht noch den Garten dort pflegen, Arztbesuche etc. unterbringen. Und dann sind da auch die eigenen Kinder und Enkel, für die man Zeit haben möchte und soll. Das alles ist definitiv ein Kampf gegen die Uhr und eine zeitliche Mission Impossible! Also höchste Zeit, sich den Gegebenheiten anzupassen und neue zukunftstaugliche Strategien zu entwickeln. Ein klarer Fall für den Verein Zeitpolster 😀 …

Wie funktioniert der Zeitpolster?

Das Prinzip ist genauso einfach wie genial. Während man als Ehrenamtlicher seine Zeit für nicht viel mehr als das bezaubernde Wort “Danke” verschenkt, bekommt man beim Zeitpolster ein Konto mit Zeitguthaben als Gegenleistung.

Derjenige, der die Hilfe in Anspruch nimmt bezahlt einen kleinen Obulus von derzeit durchaus leistbaren 8,- Euro pro Stunde. Abgerechnet wird in 15-Minuten-Intervallen. Was bedeutet, dass wenn ein Zeitpolster-Mitglied für den Nutzer (also den Kunden des Vereins) kurz in die Apotheke fährt und in 15 Minuten alles erledigt hat, dann tatsächlich nur 2,-Euro an den Verein zu bezahlen sind.

Hier ein paar Beispiele:

  • Ein Familienmitglied muss zum Arzt gebracht werden, ihr seid aber berufstätig und müsstet euch einen ganzen Urlaubstag nehmen? Der Zeitpolster organisiert einen Helfer (sagen wir mal fiktiv ich übernehme diesen Part). Der Zeitaufwand beträgt eine Stunde. Ihr bezahlt also 8,- Euro an den Zeitpolster und auf meinem Zeitkonto werden mir 60 Minuten gut geschrieben.
  • Beim nächsten Einsatz hatte die zu betreuende Person vielleicht eine kleine OP am Fuß und geht noch auf Krücken. Einkaufen ist somit sehr beschwerlich. Also kontaktiert mich (wieder rein theoretisch) der Zeitpolster und weil zufällig grad ein bisschen Zeit ist, übernehme ich diese Mission Possible. Nach 30 Minuten ist alles erledigt. Die auftraggebende Person überweist 4,- Euro an den Zeitpolster und ich freu mich über weitere 30 Minuten Zeitguthaben auf meinem Konto.
  • Die alleinerziehende Mutter hat einen Arzt-Termin und die Kinder müssen für 1 bis 2 Stunden beaufsichtigt werden. Oder sie wird krank und jemand muss die Kinder einige Tage lang von der Schule und vom Kindergarten abholen. Großeltern gibt es vielleicht keine mehr und auch sonst ist keine Verwandtschaft in der Nähe. Auch hier wird der Zeitpolster schauen, dass Mitglieder des Vereins zur Lösung des Problems beitragen.

Wichtig zu wissen: Beim Zeitpolster schaut man sich übrigens sehr wohl an, WER seine Hilfe anbietet. Die Helferleins brauchen nämlich eine Strafregisterbescheinigung und eine tadellose “weiße Weste”, bevor sie an Nutzer (Schützlinge) vermittelt werden. Aber dann steht der Aufbau vom Guthaben am Zeitkonto nix mehr im Wege 😀 …

Was haben die Helferlein davon?

Ihr seht also, die Hilfseinsätze sind keine große Hexerei, vor allem wenn man selbst gesund und fit ist. Sie helfen aber enorm weiter, wenn man der älteren Generation angehört und nicht mehr so recht kann, wie man will.

Gipsbein

Das Zeitguthaben auf eurem “Zeitpolster-Konto” wächst kontinuierlich an. Und wenn ihr dann selbst mal Hilfe braucht, könnt ihr einfach drauf zugreifen. Und zwar nicht erst, wenn ihr selbst ins Pensionsalter vorgerückt seid, sondern mitunter auch schon früher. Unfälle passieren nämlich manchmal schneller als man denkt. (Auch da kann ich meinen virtuellen Senf dazu geben).

Ich sag nur gebrochener Großzeh 😰. Da ging weder Auto- noch Radfahren, geschweige denn zu Fuß den Einkauf erledigen. Ich sag’s euch: Krücken können echt ein Hindernis sein, wenn einem nicht zwei weitere Arme 🐙 zum Tragen der Einkaufstaschen wachsen. Es entpuppte sich jedenfalls als mittelschweres Problem und zwar für mehr als 3 Wochen, als ich plötzlich Gips statt Pumps trug. Also auch das wär ein klassischer Fall für den Zeitpolster.

Hab ich euer Interesse geweckt?

Derzeit könnte der Verein Zeitpolster Ortsgruppe Tulln noch dringend weitere Helferleins brauchen. Also wenn ihr diese Zeilen hier lest und ihr habt ein oder zwei Stunden pro Woche Zeit, dann meldet euch doch bitte gern unter team.tulln@zeitpolster.com. Speziell in Tulln Umgebung wär es fein, wenn sich noch ein paar hilfsbereite “Engel” melden würden. Egal ob ihr aus Wördern, Absdorf oder einer anderen Gemeinde seid. Hilfe kann allerorts gleich gut gebraucht werden.

Damit ihr auch seht, womit ihr euren persönlichen Zeitpolster aufbauen könnt, hab ich hier noch eine kleine Auflistung mit Beispielen für euch:

  • ihr springt als Fahrtendienst 🚗 ein und begleitet z.B. zum Arzt, zum Einkauf, zu Ämtern und Behörden, vielleicht auch mal zum Friedhof (wird vielleicht vor Allerheiligen öfters mal benötigt)
  • ihr übernehmt den Einkauf von Lebensmitteln oder Medikamenten und bringt es eurem “Schützling” nach Hause
  • ihr helft beim Kochen und bleibt vielleicht auch noch zum Essen als Gesellschafter, zum Zuhören, zum Plaudern
  • ihr unterstützt beim Ausfüllen von Formularen (da tut sich die ältere Generation fast immer schwer) oder beim Schriftverkehr
  • ihr unterstützt im Krankheitsfall oder helft den betagten Menschen im Haushalt. Etwa beim Bett überziehen, beim Glühbirnen 💡 wechseln oder einfach beim Einstellen des Fernsehers (auch da weiß ich, wie oft ältere Leute Hilfe brauchen, wenn sie versehentlich was verstellt haben – darum richtet sich dieser Beitrag auch an technik-talentierte junge Menschen)
  • ihr habt Freude daran, als Begleitung bei Freizeitaktivitäten wie Spazieren gehen, Vorlesen, Caféhaus besuchen ein bisschen Gesellschaft zu leisten
  • Hilfe bei kleineren Gartenarbeiten wie Rasenmähen, Gießen, Schnee schaufeln (in Tulln dank Klimaerwärmung eher selten), kleinere Reparaturen im Haus
  • Kinderbetreuung im Krankheitsfall der Eltern. Das kann z.B. sein, die Kleinen von der Schule und vom Kindergarten abzuholen und sie zu beschäftigen und mit ihnen zu spielen.
  • ihr verhelft pflegenden Angehörigen zu ein bisschen Freiraum für ihre eigene Regeneration und ermöglicht ihnen, auch mal eine Stunde spazieren zu gehen.

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Stadt des Miteinander

Zeit mit Zeit begleichen ist sozial und fair

Vermutlich wird es in erster Linie notwendig sein, unseren betagten Mitbürgern zu helfen. Aber wie gesagt, auch junge Menschen können ab und zu mal Hilfe brauchen. Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit und man findet sich mit Gips und Krücken wieder. Autsch!

Hier habt ihr nochmal einen Link zur Website des Vereins Zeitpolster, falls ihr mehr dazu erfahren möchtet oder ihr eure Zeit zur Verfügung stellen möchtet.

Schon während der Corona-Lockdowns hab ich gesehen, wieviel engagierte Menschen es hier bei uns gibt. Über Facebook haben sich Leute angeboten, für die älteren Herrschaften einkaufen zu gehen oder andere kleine Wege zu erledigen. Letztendlich werden wir ALLE Herausforderungen schaffen, wenn wir alle an einem Strang ziehen und zusammen halten. Schließlich leben wir in der Stadt des Miteinanders! Und das bezieht sich nicht nur auf Grätzelfeste und eine gemeinsame Picknickwiese an der Donau 😉 …

Ich würd mich echt freuen, wenn das tolle Angebot des Vereins Zeitpolster von möglichst vielen Menschen angenommen wird, liebe Grüße und bis bald

die Tullnerin

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